erbarmt euch und schreibt!
ich weiß, was für ein gehetztes Leben ihr auch zu normalen Zeiten habt, und dann erst in diesen entsetzlichen Wochen, ja bestimmt, da verfliegen die Stunden, und hast keine Hilfe zu Hause, weil jeder Penny gebraucht wird, und auch so ist das verdammt wenig, die Stadt ist bei uns von strömenden Winterregen matschig, ich trau mich gar nicht auf die Straße, so tobt das stürmische Wetter, als würde der Winter spüren, was für ein Unheil euch plagt, er weint mit uns, man sagt, der Jarkon hat alles überschwemmt, so was haben wir noch nie gesehen, egal was für Schweinereien und Verbrechen da waren, die Konterrevolution hat die berechtigte Studentendemonstration fein ausgenutzt, die Sowjetsoldaten haben euch vor dem Fascism gerettet, sonst würde immer noch Blut auf Budapests Straßen fließen, du schreibst, die Bergwerke arbeiten nicht mit voller Kapazität, es gibt also keine Kohle, denk ich, du ahnst, daß Hanna und Dmitri jetzt ihre eigenen Sorgen beiseitelegen und zu jedem Opfer bereit sind, nur um euch helfen zu können, dabei haben sie es auch nicht leicht mit den 3 Kindern und seiner grausamen, im Sterben liegenden Mutter am Hals, die einfachen Leute verabscheuen den Krieg, sie mögen die Kommunisten nicht, aber der lange Streik trifft wie ein Bumerang gerade die Arbeiterklasse am meisten, leider wissen wir, daß das kleine bagatelle Päckchen und Geld eher nur dazu dienen, unsere Liebe zu euch auszudrücken, aber eine effektive Hilfe muß die Volksdemokratie leisten, ich hoffe, Schritt für Schritt schreibt ihr ausführlicher, und natürlich warte ich auch sehr auf Robis versprochenes Tagebuch von den Ereignissen, und die aufgeschriebenen Erfahrungen meines lieben Töchterchens, na schön, daß dieser Schlingel Michael endlich aus dem Strom aufgetaucht ist, wir wissen, daß bei euch eine große internationale Parteikonferenz war, erstaunlich, daß die geschickten Seifenstäbchen rechtzeitig gekommen sind, weil Waschpulver gibt es noch nicht, wir schicken dir noch 10, schicken dir noch 100! aber noch besser wär’s, du mußt dich bei der großen Wäsche nicht über die Wanne krümmen, ich habe in der Zeitung vom Dezember den geduldigen, klugen und herzöffnenden Brief von Scholohow gelesen, in dem er euren trotzigen Schriftstellern die Konterrevolution erklärt, ist den ungarischen Schreiberlingen denn gar nichts genug? ob völkisch oder bürgerlich oder kommunistisch einerlei? wenn Robi so eine wunderbare Fleischbrühe aus unserem koscheren Suppenpulver kochen kann, dann hoffe ich, daß er diese Attraktion auch ein andres Mal wiederholt, Hauptsache koscher! jetzt hat die U.N.O. die Ungarische Frage schon auf die Tagesordnung gesetzt, natürlich interessiert das gar nicht, wie die da in der U.N.O. abstimmen, das spiegelt nur die momentanen Interessen, die U.N.O. ist eigentlich ein großes Marionettentheater, wo die USA an den Schnüren zerren, da können sie egal was machen, die pfeifen, wie sie tanzen, kurz und gut, aus euren Briefen sieht Papa es auch so, daß er im Allgemeinen die Lage und die Rolle der Sowjettruppen richtig beurteilt hat, worüber in der ganzen Welt leidenschaftliche Diskussionen stattfinden, aber man muß auch wissen, und darum bittet Papa extra, daß ich es unterstreiche, daß es auf beiden Seiten viel Goodwill und gutgesinnte und reine Menschen gibt, aber leider sind reiner Charakter und reine Sicht nicht immer gleich.
Inzwischen ist auch das irredentistische Deutschland, dank einer Volksabstimmung, mit dem Saargebiet fetter geworden, kein Kommentar, und wir ziehen aus dem Sinai ab, wo unsere Degeneräle vergangenes Jahr, ohne Grund, dümmlich reinmarschiert sind, du weißt, daß ich gegen jegliche Gewalt bin, aber auch gegen jede Willkür, aber die Provokation, wie wenn der Stier in der Arena gehetzt wird, macht einen zur Bestie, in dieser verdrehten Lage ist es für niemanden leicht, Ruhe zu bewahren, obwohl man sich immer für den Frieden entscheiden kann, wir sind glücklich in die cul de sac gelaufen, in die uns die Franzosen und Engländer gedrängt haben, sie benutzen Israel jetzt zynisch dazu, die erwachenden arabischen Demokratien in Schach zu halten, Hauptsache, es ist schon zu Ende! wie viele Familien haben erleichtert geseufzt, als das Radio gemeldet hat, daß die Männer nach Hause kommen, Scharm El-Scheich verlassen wir, aber auch Gaza: wer will schon mit nacktem Popo auf einem Cactus sitzen? jetzt haben wir gezeigt, wozu wir fähig sind, der Ministerpräsident hat schon wieder von Groß-Israel und 3. Königreich geträumt, aber er weiß, daß das bloße Illusion ist, egal wohin du bei uns schaust, jeder ein Wilhelm der Eroberer, da drängeln sich die Mini-Napoleons, Gockel auf dem Misthaufen, um bei uns Politiker zu sein, mußt du erst mal Soldat sein, damit sie dir dein Programm glauben, mußt du im Panzer sitzen, um Redner zu sein, mußt du töten, schon in der Armee geht es bei der Jugend mit dem Brainwash los, da werden systematisch Quadratköpfe geschnitzt, mit dem Trichter flößen sie ihnen den Nationalismus ein: der Araber ist kein Mensch: ein Tier, Terrorist, stinkend, feige usw., wenn sie das Wort hören, geifern sie schon wie der Pawlowsche Hund, Papa meint, Sues wird noch viele Sorgen machen, wenn sich die Großmächte nicht einigen können, die Amerikaner pokern, die geben kein Geld für den Assuan-Staudamm, dabei hatten sie es versprochen, dann pfeifen sie die englischen und französischen Bluthunde zurück, die sie aufgehetzt haben, vom Lebertran ist’s nie genug, das hält die Kinder fit, es scheint, dieser Nasser ist nicht aus so einem Holz geschnitzt, daß er so leicht nachgeben würde, natürlich ist in unsrer Nachbarschaft die Klappe der Politiker immer groß, ihre Exzellenzen sind ein bißchen Barone von Münchhausen, sie fliegen auf Kanonenkugeln in die Zukunft, Khruschew und die Sowjetgenossen werden noch zu tun haben, damit hier die Frage des internationalen Klassenkampfes richtig verstanden wird, Friedenskampf kann man mit solchen Pulverfaß-Reden nicht austragen, an hübsch klingenden Phrasen gibt’s bei uns keinen Mangel, dort der Koran, hier der Talmud, anstatt daß sie im Kapital blättern würden, wir freuen uns sehr, daß Robis Jacke warm sein wird, und sie ist nicht häßlich, leider sind seine Maße wirklich grandioso, und werden immer grandioser, so daß es fast unmöglich ist, sich auszudenken, was man ihm beschaffen könnte, die 20 Gilettes, hoffen wir, halten lange, ich weiß, außer dem Leninismus ist das Rasieren das einzige, worin Robi zuverlässig ist, ich weiß, daß die Frauen die glatten, duftenden Babyface-Männer mögen, egal was man darüber sagt, daß ein echter Mann unrasiert ist und nach Schweiß und Kippen und Schnaps stinken muß, und die Frauen an der Kehle packt, nicht umsonst bewahrt er den gelben Blechbecher, von dem die Farbe abgeblättert ist und den er noch in der Armee bekommen hat, an einem Ehrenplatz auf, wie ein Heiligtum, daß er auch heute noch darin den Rasierschaum mit dem Rasierpinsel schlägt, ein anderer würde ihn schon wegschmeißen.
Die 2 kleinen Schuhe für Gabi und das Höschen kommen per Flugzeug, auch so dauert es wahnsinnig lang, Hanna hat sich danach auf der Ibn Gvirol und der Allenby die Hacken abgelaufen, ich hätte sie schon am nächsten Tag abgeschickt, ich hoffe, diese Sachen halten länger als die früheren, aber das Schicken will auch organisiert sein, an bestimmten Stellen muß man Druck machen usw., aber wie ich schon geschrieben habe, wir sind alle beide ziemlich schlapp, Papa und ich, oder wie Robi sagen würde, körperlich klapprig, to tell the truth, euer Leben interessiert uns viel mehr als unser eigenes, das sendet weder Kossuth noch BBC, die Imperialisten geben sich nicht damit zufrieden, daß sie in Ungarn zum Blutvergießen aufgehetzt haben, die Presse malt von euch tagaus, tagein ein Bild, so terrible and horrible, daß die Welt ganz entsetzt ist, du meinst, Robi, daß die Bombardierung von Port Said viel mehr vernichtet hat, an Menschenleben und Gebäuden? Budapest in Flammen! haben sämtliche Sender geschrien, dabei war das eine viel größere Verwüstung, wie die Konterrevolution die Menschen aus sich herausgekehrt und die lange Zeit verhüllten Boshaftigkeiten und miesen Schwächen gezeigt hat, das war ein echter Prüfstein, der Nationalismus hat seine Zähne gebleckt, sogar in den sog. gebildeten Klassen hat er aus den Menschen die versteckten Gemeinheiten herausgeholt, wenn er einmal jemanden mitreißt, schreibst du, lieber Robi, dann bleibt in seinem Kopf für nix andres Platz, deshalb gibt es keinen normalen Dialog, das ist schon Massenhysterie.
Bei uns fürchten sich die Menschen davor, daß man sie ins Meer schmeißt, deshalb wünschen sie, daß möglichst viele Juden möglichst viele Araber töten, eure Schriftsteller haben die Gnade der Hooligans gesucht, und priesen den Ruhm der lynchenden Masse, natürlich wissen diese Chamäleons nicht, daß die Hooligans die ersten sein werden, die auf sie spucken, weil sie die Klassenverräter von den echten Freiheitskämpfern trennen können, es gab solche, die jederzeit ein passendes Marx-Zitat hervorspucken konnten, jetzt sind sie ebenso up to date im Nationalismus der Bourgeoisie, eine Erklärung gibt es vielleicht für alles, aber eine Entschuldigung, die gibt es nicht, schreibst du, wenn es eine Erklärung gibt, lieber Robi, dann gibt es vielleicht auch eine Entschuldigung, aber dank der Enkel des Kreuzers Aurora, deren Väter im Weltkrieg für uns gekämpft haben, seid ihr am Leben, das wissen wir schon, welche Geschäfte wann geöffnet haben, aber ob das eingeschlagene Fenster wohl repariert ist, und ob den 4 Spätzchen, euren Kindern, wohl der Hals weh tut, du schreibst, daß das eine Konterrevolution mit Vollkomfort war, was für eine Tragikomödie, was es jetzt nicht gibt: Strom, Wasser, Gas, Lebensmittel, Heizung, für die Streikenden Lohn, das gab es bis zuletzt, und wir wissen umsonst, welche Elektrische nach welchem Fahrplan fährt, ich plane vorerst nicht, in die 6 oder die 18 zu steigen, dabei würde ich es so gerne tun, der Wind würde durch mein Haar wehen, einen mit grünem Gras bewachsenen Hügelhang sehe ich, roten Klatschmohn, weiße Wolfsmilch, jetzt herrschen bei euch kühle, rauhe Zeiten, ich bitte dich, schreib unbedingt und sofort an die Familie Rogers in London, wenn ihr Päckchen ankommt.
Dieser Schelm Michael, dein Liebster, hat, so scheint es, bis jetzt einen Dornröschenschlaf geschlafen, schön von ihm, daß er sich nach 13 Jahren wieder gemeldet hat, besser später als nie, der strohblonde Prinz, mir hat Lotti schon geschrieben, daß die Rogers euch bald besuchen, ich habe Papa gesagt, am besten wär’s, wenn Michael es nicht so eilig hätte, schließlich hat er ja 2 Kinder, und die Situation ist auch nicht wirklich geeignet, natürlich nur ein Scherz am Rande, aber Papa ist böse, wenn ich ungezogene Gedanken habe, schließlich beschäftigt sich ein echter Kommunist nicht mit Liebesfragen, ich mag so Sauertöpfe nicht, mit Michael wart ihr ein schönes Paar, Schluss aus, Michael ist ein ernsthafter Junge, nur hat er leider seine Mama gefragt, ob er dich heiraten soll, woraufhin seine Mama gesagt hat, es gibt genügend freie Mädel in England, und er soll sich da eine Frau aussuchen, ich arrangiere schon eifrig das nächste Kleiderpaket, aber jetzt warten wir noch, bis die Nachricht kommt, ob was angekommen ist, obwohl die Post ist die einzige internationale Organisation, die mich bisher nicht enttäuscht hat, völlig politikfrei, ich hoffe, jetzt werde ich auch nicht enttäuscht, diese Frau, sie heißt Manyi, Manyi Löffler, von der ihr die Wäschekiste habt, ist jetzt bei der Möbelgenossenschaft auf dem Lenin-Ring Verkäuferin, leider weiß ich die Hausnummer und Telefonnummer von ihrem Arbeitsplatz nicht, Handschuhe, Wollstrümpfe, eine schwarze Jacke sind bei ihr, da müßt ihr das alles abholen, dieser gut aussehende Humphrey Bogart ist gestorben, du weißt schon, der dein Partner in Casablanca war, ich denke, er prahlt mit eurem Kuß bei Kerzenlicht auch heute noch, wenn Robi nur halb so elegant wäre, wie es der Bogart war, und halb so schlank, das sag ihm, dann könnte er seine Ingrid Bergmann bei Kerzenlicht küssen, wir sind im gleichen Jahr geboren, jetzt ist er für immer eingeschlafen, ein Säufer war er, und ich hab nicht mal einen Tropfen Whiskey in meinem Leben getrunken, ich trinke nicht, rauche nicht, bin keine ungarische Gräfin nicht! und von der Brillantinefrisur vom Bogart war ich auch nicht aus dem Häuschen, das war doch ein Film, den ich gerne gesehen habe, dabei war’s Hollywood vom Feinsten, und doch kein Superkitsch, romantisch und traurig, als du Bogart sagst, daß du nur ihn liebst, da tritt Szőke Szakáll auf, den der 16jährige Robi am Oktogon gesehen hat, als er Speck mit Paprika gegessen hat, im Abbazia, auf der Terrasse, den Speck hat er mit frischem Weißbrot gegessen, mit scharfem Paprika, das beste Weißbrot der Welt ist das Pester Weißbrot, ich kann bezeugen, wenn man rechtzeitig für frisches Brot in der Schlange stand, dann hat man es, bis man aus dem Laden zu Hause ankam, aufgefressen, angefangen bei der knusprigen Kruste, leider können sie in Tel Aviv kein Brot backen, so ist’s halt im Leben, und dieses fliehende Ehepaar mit den Englischübungen, What watch? Ten watch. Such much?
Ich habe mich über Robis lebhaft glücklichen Brief schrecklich gefreut, obwohl ich daraus verstanden habe, daß ihr nicht kommt, Hanna quält mich ständig und hatte mich auch schon überzeugt, aber ich verstehe, daß Robi nicht schon wieder in die Fremde wandern will, ihr seid schon nicht mehr diese erbärmlichen Dahergelaufenen, wie ihr vor 10 Jahren am Westbahnhof aus dem Zug gestiegen seid, ihr müßt euch nicht mehr höflich die Märchen von den Nachbarn über die Belagerung im großen Krieg anhören, der Oktober hat euch auch zu wahren Bürgern des Staates geweiht, denn ihr wißt genau, wie, was und warum geschehen ist, wer angefangen hat, wie der Feind gekämpft hat, und wer die Volksdemokratie und den Frieden gerettet hat, der seit ’45 jetzt der größten Gefahr ausgesetzt war, die Schwachen, Feigen, die Verstörten haben sich auf die Seite des Feindes gestellt und sind nach dem Sturz in den Westen gerannt, haben sich den Kreisen der emigrant Fascists angeschlossen, den Antisemiten, dem Abschaum, jetzt ist die Partei kleiner, aber ihr wißt wenigstens, wer ein wahrer Kommunist ist, und wer nur Parteimitglied war, und die kleinen Spätzchen, die kleinen Patrioten trotzen dem Nationalismus und dem Chauvinismus, sie ketten euch mit unzerreißbaren Ketten an eure so schwer erlangte Heimat, Robi ist ein richtiger Schreibkünstler, Hanna wußte auch nichts zu sagen, als ich ihr den Brief vorgelesen habe.
Casablanca wird bei uns leider selten gespielt, ich weine gar nicht diesem Gauner Bogart hinterher, sondern bestimmt hast du es auch gehört, der feurige Italiener, der goldige Arturo, der Toscanini, ist auch tot, der einst mit der Musik Leben in diese Wüste gebracht hat, in diese wundervolle Wüste, weil diese Wüste ist so, daß du entweder an ihr zugrunde gehst oder dich wahnsinnig in sie verliebst, vor einigen Tagen haben sie mich nach Herzliya gebracht, zum Spazieren, wo ich 3 Tage war, ich solle nicht ständig zu Hause sitzen, weil wir uns mit Papa selbst in der größten Liebe auffressen, wir sind die Kannibalen der Liebe, mein Bruder Juda hat uns zur Enkel-Besichtigung gebracht, ich sagte, Halt! da waren so lila Blumen am Wegrand, und wie ich aussteige, da sehe ich, immer mehr, viele winzige lila Blumen, krochen aus dem Nichts hervor, aus den roten Steinen, aus den roten, gelben und grauen Steinen, Tausend und Abertausend, in den Felsen haben sie Wurzeln geschlagen, wir haben unsere Wurzeln hier auch in den Felsen geschlagen, inmitten großer Schmerzen und Wonnen, erinnerst du dich, wie grandios der teure Toscanini war, dem die Haare immer in die Augen gefallen sind, und der sich selbst geohrfeigt hat, wenn ihm etwas nicht gelungen ist, mit den Beethoven-Symphonien, immer ist er gekommen und hat dem Mussolini eine lange Nase gezeigt, so viele jüdische Musiker hat er sowieso nirgends auf der Welt auf einem Haufen finden können wie bei uns, aus ganz Europa sind die Besten hierher gekommen, der wußte, wenn er noch einmal im Leben Beethoven hören will, muß er nach Palästina gehen, ich denke oft daran, wie du barfuß gerannt bist, um ihn zu hören, ganz außer Atem, aber jetzt wünsche ich dir Schuhe an die Füße, weniger Atemlosigkeit, statt Konzerten einen vollen Bauch, eine warme Wohnung, als ich letztes Jahr angekommen bin und gesehen habe, daß drei Gläser mit halb eingetrocknetem Senf auf dem Regal in der Speisekammer stehen, das eine unten, das andere etwas höher, das dritte ganz oben, und eine nicht zu öffnende Fischkonserve und acht schrumpelige, keimende Kartoffeln auf dem Boden, da bin ich fast in Ohnmacht gefallen, ich wünsche dir, daß du nirgendwohin außer Atem rennen mußt, weder nach Pesthidegkút noch ins Haus der Offiziere oder auf die andere Seite der Welt und daß du dich nicht vor dem Morgen fürchten mußt.
Wenn du wüßtest, was ich hier für frontale Attacken wegen euch erleiden muß, vor allem von Hanna und meiner Mutter, warum ihr nicht schon da seid? und warum wir nicht endlich die Reisekosten schicken? und worauf ihr noch wartet? ja kann ich denn in der Richtung was machen? als ob man sich mit 4 kleinen Kindern einfach so von der anderen Seite der Welt aufmachen könnte und das Land wechseln, jakirati, jakirati, was wird mit deiner Allergie? jetzt ist es Winter und gut, aber man muß auch an den Sommer denken, dein Robi, hoffe ich, stürzt sich mittenrein, da braucht es jetzt jeden standfesten Kommunisten, und daß ihr bei den 4 Kindern halt macht, weil wenn ihr Probleme habt, dann kommt sofort the next one, sag dem Robi, daß wir versuchen zu den Minen Kugelschreiber zu schicken, aber mit der Mine kann man auch schreiben, und Kugelschreiber sind nur schwer zu beschaffen.
Papa sagt, er hat zwei Heimaten, die eine hier, die andre da, beide zerreißen ihm das Herz! gestern Abend hat mich eine Nachricht gepackt, daß die Schriftsteller alle möglichen Grenzen überschritten haben und ein Regierungskommissar ernannt worden ist, um dem Schriftstellerverband zu zeigen, wo es lang geht, soll sie doch der Teufel holen! also die Konterrevolutionäre, da braucht es harte Worte, wie wenn man das tobende Kind ins Bett scheucht, die wissen doch selbst nicht mehr, was sie da reden, wem sie sich anschließen, arbeitet Robi noch immer in diesem Tratschpalast? über Déry hat Frau Sz. erzählt, daß er der Kopf der konterrevolutionären Schriftsteller ist, das ist vollkommen unverständlich, weil entweder war er nie Kommunist oder er ist verrückt und Fascist geworden, obwohl, als die Diskussion um seinen Roman war, den er dann nie fertiggeschrieben hat, weil wenn er ihn fertigschreibt, dann stellt sich heraus, was er wirklich denkt, da war schon zu sehen, daß bei ihm im Kopf nicht alles richtig ist, oder aber er hat großen Gefallen am Geld gefunden, das ist ein Hasardeur, ein Narr macht hundert andere, der Fisch stinkt vom Kopfe her, ich will keinem was Schlechtes wünschen, aber man muß sich die Weltlage ansehen, Papa sagt, er ist viel toleranter als ich, daß man den Schriftstellern lassen muß, daß sie frei denken, schau her, als was für verruchte Teufel und Moskau-Knechte wir hier gelten, nur weil wir auch für die Vertriebenen kämpfen, und die verwüsteten Dörfer, die ins Gefängnis gesperrten Menschen, die vertriebenen Mütter tun meinem Herzen weh, und weil wir uns ein Land vorstellen könnten, in dem zwei Völker zusammenleben, und wir die Soviet Union unterstützen, und die Weltanschauung nicht aus reiner Mode gewechselt haben, ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres als einen ausgetretenen Pfaffen, aber wer zweimal austritt, der ist nicht mehr normal oder noch schlimmer, wer 3mal, der ist völlig verkommen, der kann danach wohl kaum mehr einen Satz ehrlich zu Ende schreiben, weil er vorher den Faden verliert.
Das Herz irrt sich nie, nur in der Liebe, wenn wir uns in einen Schuft verlieben, wie ich mich in diesen Rumänen, in diesen Hochstapler, den Anwalt aus Marosvásárhely, als ich wegen ihm durch ganz Europa gegurkt bin, und mich einen Teufel um meine Familie gekümmert habe, ich bereue nur, daß ich ihn nicht von der Franz-Joseph-Brücke in die Donau gestoßen habe, lieber haben wir uns geküsst, meine Lieben, wo sind die Spätzchen tagsüber? funktioniert alles wie früher? Busse, Läden, Kinderkrippen, Banken? jakirati, mein kleines Mädchen, iß viel Schokolade, Chalva, Robi soll Fleisch essen, aber nicht solches, das ihn dick macht, um den Ness Kaffee habe ich für dich gebeten, der kommt aus Argentinien, der reist aus Südamerika um die halbe Welt, Robi kann ja Espresso trinken, wenn du wüßtest, wie kokett Papa leidet, er guckt mich an und sagt leise: jetzt merke ich erst, wovon mir die Augen tränen, kurze Pause: vom Rauch des Petroleumofens, darin ist er ein Meister, in so feinen seelischen Regungen, dabei leidet er wirklich, aber du kennst ihn ja, als wir das mit den Lagern erfahren haben, hat er Jahre lang kein Fleisch gegessen, dabei wäre das für seine Lunge lebensnotwendig gewesen, ich kann mich leider nicht so kompliziert sorgen, ich schäme mich nicht dafür, daß ich sofort in totale Panik verfallen bin, als ich hörte, daß es bei euch Streiks gibt, es scheint, man kann der Arbeiterklasse den Kopf noch mit Lügen verdrehen, egal ob der Rat von Groß-Budapest oder Klein-Budapest, was bleibt, sie streiken, wenn’s nicht nötig wäre, so ist die Konterrevolution mit Vollkomfort, Eisenhower und seine Leute sprechen jetzt schon offen aus, daß ihr Ziel nicht die Wahrheit ist, sondern to deter Communist Aggression in the Middle East, für die sind wir nur Aufmarschgebiet, ein lebendiges Schachbrett, living chess board, auf dem sie die Schachfiguren hin- und herschieben, da kann man schießen, bombardieren, kann man experimentieren, und wer ist hier bitte schön der communist Aggressor?
Ein paar Stunden, nachdem ich den Brief nach Pest eingeworfen habe, sind deine Zeilen vom 30. Dez. angekommen, meine liebe Tochter, dieser Brief hat auf Vieles eine Antwort gegeben, jetzt verstehen wir die Abstimmung beim Schriftstellerverband schon, und ich sehe daraus, daß meine Fragen in dem gestern geschriebenen Brief überflüssig waren, leider ist es eure Entscheidung, daß ihr die Partei und den Sozialismus aufbauen wollt, uns war das ungefähr bekannt, weil wer von dort fliehen wollte, der hatte die Möglichkeit, den Ausdruck „leider“ habe ich jetzt als Mutter gebraucht, denn wer will seine Kinder und Enkel nicht bei sich haben? aber ich bin sehr gegen dieses Hin- und Hergewander, und hätte ich ’47 so viel Verstand gehabt wie jetzt, dann hätte ich dich mit aller Kraft davon abgebracht wegzugehen, denn meiner Meinung nach kann der Mensch überall ein anständiger Mensch sein! das Leben ist so kurz, und wenn eine Zeit davon mit Herumwandern vergeht, dann ist es noch kürzer, das stört besonders eine Mutter, die so viel Kraft, Geduld und Ruhe zum Großziehen ihrer Kinder braucht, denn auch eine Mutter ist nur ein Mensch, der seine eigene menschliche Seele hat und auch ohne Kinder selbst noch ein Buch lesen will, einen Sonnenaufgang alleine genießen oder sich am Donau-Ufer die Wellen ansehen will, leider sind einer Mutter diese Genüsse, sich mit sich selbst zu beschäftigen, wenn auch nur für Stunden, erst sehr spät gegeben, der Mensch ist kein Roboter und auch nicht ausschließlich Parteimitglied! but as the song goes: Que sera, sera, what ever will be, will be.
Hier sehen wir auch an unseren einstigen Genossen, die auf die andere Straßenseite gehen, weil sie sich schämen, uns zu grüßen, weil sie unsere Treue zur Soviet Union nicht verstehen, vielleicht glauben sie, wir machen das für Sold, leider haben auch in der Volksdemokratie manche, die in die Nähe der Macht gekommen sind, nicht den Vorteil der Menschen, sondern ihren eigenen Nutzen im Auge gehabt, wichtig ist, daß der Herr Oberst trotzdem hilft, und nicht das Hinrichtungskommando geleitet hat, und auch jetzt helfen wird, wenn er schon als Attaché nach Bukarest ernannt worden ist, so ein herausgerutschter Satz macht den Kohl auch nicht mehr fett, es gibt Zeiten, in denen jemand sein Mißtrauen so ausdrückt, daß er sagt, ich werde schon das Hinrichtungskommando leiten, und damit will er nur sagen, wisch dir den Mund ab, von einem Näher von Unterwäsche ist das auf jeden Fall ein großer Fortschritt, daß er nicht über das Schnittmuster, sondern über das Hinrichtungskommando Gedanken austauscht, obwohl es ist möglich, daß aus Unterwäschenähern die besten Henker werden
Aus dem Ungarischen von Eva Zador